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Piraten

Piraten.BeBerlinette

Federic ist einer Bauwagensiedlung unter Automen groß geworden. Statt H&M, I-Pod, PC und MTV hat seine Kindheit Wackerdorf, Brokdorf und Castorf-Transporte bestimmt. Doch nun hat er die Nase voll. Er ist volljährig geworden und will zur anderen Seite überlaufen. Er will raus aus Neukölln und rein nach Zehlendorf. Das ist für seine Zieheltern Ruth Verrat. Doch zunächst können sie nichts dagegen unternehmen, dass ihr Anarcho-Zögling sich mit der Zehlendorf-Tussi Mabel, die zufällig mit ihren zwei Schwestern Abenteuerluft schnuppern und den Bauwagenplatz besichtigen wollten, vom Acker macht. Der sieht die Chance seines Lebens gekommen, denn Mabels Vater ist niemand anderes als der Immobilienhai Igor Zitsche, der es genau auf den Wagenplatz der Kommune abgesehen hat.
Ab jetzt schaukelt Federic nicht mehr auf der versifften Sperrmüll-Schaukel mit Tarnüberwurf an der Open-Air-Badewanne, sondern auf der geblümten Hollywoodschaukel am Swimming-Pool. Statt Graffitis schmücken nun dorische Säulen den Garten. Doch sein Glück währt nicht lange; so leicht lassen die Anarchos ihn nicht entkommen, zumal sie auch um ihr eigenes Überleben gegen Zitsche kämpfen müssen.
Nach der Vorlage der Operette „Piraten von Penzance“ aus der Feder von Sullivan und Gilbert hat die Neuköllner Oper die Szenerie nach Neukölln verlegt. Aus Piraten wurden Punks und aus Generälen Immobilienhaie. Soweit ist das schlüssig. Auch dass die Punks ihre Lebensweise an die Tourismusagentur Berlins zu Showzwecken an Dienstagen und Donnerstagen gegen Bares gerne vermarkten, ist ein netter Einfall. Operettenüblich folgt der Handlungsverlauf jedoch dann kaum der Logik. Plötzlich errechnete Schaltjahre, überraschend aufgedeckte Familienverhältnisse, unerwartetes Auflösen jeder Probleme beim nächsten Song– ein paar der Kapriolen hätten der Streichung des Regieteams Andreas Bisowski und Andreas Gergen ruhig zum Opfer fallen können. Der thematische Ansatz des Übergreifens des Kapitalismus auch auf die letzten aussterbenden Anarchisten hätte es verdient gehabt. So blieb ein unterhaltsamer, aber leider wenig tief schürfender Abend.
Birgit Schmalmack vom 4.8.09

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