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Venus im Pelz, Theater Das Zimmer
How Goes The World, Thalia
Trifles und American dream, Audimax
As you want it, UP, Motte
Arme Arme Reiche Reiche, Lichthof
Jungle Book, reimagined, Thalia
Niemandes Schwester, Thalia
Akins Traum, Thalia
Underground Girls, Thalia
Blind runner, Thalia
Die Wanze, Thalia
Die Trauer des Dämons, Thalia
Murat Topal
Gut in Form trotz handelsüblicher Erkältung
Topals Wahlspruch während seiner „Polisisten Seit“ am Kotti war stets: Immer flexibel bleiben. Da er sich als Dienstleister für die Kreuzberger Bürger sah, spielte er für den Skin gerne den radebrechenden Türken in Bundesdeutschen Staatsuniform und für den türkischen Möchtegern-Gangsta auch den Ausländer diskriminierenden Nazi-Deutschen. Natürlich um sich danach bei der folgenden Aufklärung durch die gerne behilflichen Kollegen an den überraschten Gesichter zu erfreuen.
Doch er plaudert nicht nur über Episoden aus dem Copalltag im Kiez, sondern erzählt auch über seine Schwierigkeiten sein Nachtleben befriedigend zu gestalten. Für Ü30-Partys fühlt er sich noch zu jung, aber für die Motto-Events fehlt mal das korrekte Styling und mal die Beherrschung des angesagten Tanzstils. So freut er sich über die ungezwungenen reinen Männerabende, die er mit seinem schwulen Friseur in SO36 erleben darf. Hier trifft er auf eine Anhäufung orientalischer Männer, die sich ohne jede Aggression bestens amüsieren kann.
Seine Schnäppchen-Jagd auf dem Istanbuler Basar verlief ganz anders als geplant: Statt wie mit seiner Ehefrau verabredet als türkische Landsleute beste Preise auszuhandeln, nützten ihnen Topals Dialektkenntnisse wesentlich mehr: Beim bayerisch-türkischen Teppichhändler gab es mit dem richtigen deutschen Zungenschlag ebenso Schnäppchen wie beim hamburgisch-türkischen Schmuckverkäufer. „Wir müssen im Ausland doch zusammenhalten!“
Hier traf man dann auch auf den Kreuzberger Gemüsehändler Ümit Üzküdar. Er war dem ganzen Herkunftsterror nach Istanbul entflohen, um dort von seinem Berliner Laden zu träumen. Für seine türkischen Nachbarn nicht türkisch genug, für seine deutschen nicht integriert genug. Integrierst du noch oder assimilierst du schon? Diese Frage war er leid.
Murat Topal spielt mit Leichtigkeit alle diese Rollen in Personalunion. Sekundenschnell schlüpft er bei seinen Erzählungen in die Rolle des heftig pubertierenden Girlies ebenso wie in die des vor Testosteron strotzenden Muckibuden-Prolls. Er gibt überzeugend seinen Homo-Friseur ebenso wie den Neuköllner Hiphoper Kevin. Perfekt imitiert er jeweils Körperhaltung, Diktion und Aussprache. Topal hat genau hingeschaut und lässt all die Typen mit hohem Wiedererkennungswert auf der Bühne auftauchen.
Murat Topal ist trotz handelsüblicher Erkältung bestens in Form. Dass er seine Einblicke in die Welt der Berliner Fitnessstudios nicht nur von außen hat, belegt er mit etlichen Kostproben seines Könnens während seiner Show. Eine Breakdance-Einlage legt er scheinbar mühelos auf die Bühne ebenso wie einige gesprungene Liegestütze.
Topal verstand es sein Berliner Publikum in den Wühlmäusen mit seinem sympathischen Auftreten zu gewinnen. Er zeigt: Für ihn ist die Integrations-Assimilations-Diskussion kein Thema mehr. Er ist ein einfach ein extrem begabter Comedian auf einer deutschen Bühne.
Birgit Schmalmack vom 6.8.09
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