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Dreamdolls

Dreamdolls
Die wahren Emanzen
Hi, ich bin Estelle. Hi, ich bin Paula. Hi, ich bin Rosa. So stellen sich die Frauen zu Beginn auf den kleinen weißen Podesten vor. Nicht zu überhören und nicht zu übersehen sind sie auf ihren Highheels hereingestöckelt. An Körperbewusstsein und schauspielerischen Talent fehlt es keiner von ihnen. Denn obwohl sie keine Schauspielerinnen sind, verlangt ihr Beruf einiges an (schau-)spielerischen Talent: Sie schlüpfen unter ihren selbst gewählten Namen in die Rolle der Unterwürfigen, der Domina, der Willigen, der Sinnlichen oder der Verführerischen. Sie arbeiten oder haben als Prostituierte gearbeitet.
Und was sind Sie von Beruf?, fragen sie ins Publikum. Ach so, Tierärztin. Na, nicht jede kann als Hure arbeiten!
Eine lernte ernst als Prostituierte ihre Weiblichkeit zu akzeptieren. Eine sucht das kleine Abenteuer, das sie bei weitem einem Tatort-Krimi vorzieht. Eine träumt von einem Mätresse-Dasein, bei dem sie von ihrem Liebhaber ausgehalten wird, aber keinerlei Familienpflichten übertragen bekommt. Eine andere schätzt die vielen Begegnungen mit Männern, die keine Beständigkeit und Bindung erfordern. Eine von ihnen hat Eltern, die die Prostitution ihrer Tochter als Gelegenheit begreifen ihre Vorurteile gegenüber Prostituierten zu hinterfragen. Alle von ihnen hätten Alternativen. Sie sind jung und gut ausgebildet.
Zwangsprostituierte sucht man unter ihnen vergeblich. Freiheit, Abendteuer und Selbsterkenntnis geben sie als ihre Motive für ihre Berufswahl an. Zuhälter tauchen hier nicht auf. Wie überhaupt Männer kaum eine Rolle zu spielen scheinen in dem Leben dieser Frauen. Huren als die wahren emanzipierten Frauen der Nation!
Maria Magdalena Ludewig hat sich auch für ihre zweite halbdokumentarische Produktion ein gesellschaftlich immer wieder diskutiertes Thema ausgesucht. Waren es zunächst die Zukunftschancen von deutschen Kindern unterschiedlicher Herkunft, so sind es jetzt die Bilder der Prostituierten. Die Regisseurin hat tolle Frauen mit authentischer Bühnenpräsenz für ihre Aufführung gefunden. Sie spielt geschickt mit verschiedenen Medien auf der breit angelegten Bühne im Übel und Gefährlich. Reale und virtuelle Schaukästen stehen neben Leinwänden und Bühnenpodesten. Doch vor allen Dingen spielt sie mit den Vorstellungen der Zuschauer:
Eine der Darstellerinnen will später Schauspielerin werden. Trauen Sie mir das zu, fragt sie das Publikum. Finden Sie mich jetzt als Schauspielerin, die eine Hure spielt, überzeugend? Oder eher als Hure, die eine Schauspielerin sein will? Genau dieses Verwirrspiel um die Darstellerinnen auf der Bühne macht die Spannung des ungewöhnlichen Abends aus.
Birgit Schmalmack vom 6.7.09

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