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Amoklauf mein Kinderspiel

Amoklauf mein Kinderspiel
Aufbegehren ohne Hoffnung

Was sind bloß für Menschen aus euren Kindern geworden? Schon diese Frage, dass es hier um keine banale Unterscheidung von Tätern und Opfern geht. Sie stellen sich nicht nur die Eltern, die erleben müssen, wie ihre Kinder in einer traditionsreichen Oberschule im Osten Deutschlands ein Massaker anrichten sondern auch die Zuschauer und die Schüler selber. Sie, die wir ihre Eltern nie in einen Krieg ziehen mussten, ziehen in eine Schlacht. Wohl wissend, dass sie nicht gewinnen können. Doch darum geht es ihnen nicht. Sie wollen etwas bewirken, sie wollen berühmt werden. Sie wollen, dass man über sie redet und sie wahrnimmt.
Zu lange hat man ihnen schon eingeredet, dass sie sich nicht beklagen sollen, dass es ihnen doch eigentlich gut gehe, dass sie sich einfügen müssten. Die Wut, auch der Selbsthass, ist zu groß geworden. Drei Schüler verkörpern den Attentäter: Drei sehr unterschiedliche Charaktere. Das Mädchen mit den Ringelzöpfchen (Lena Arnold), dessen betuliche Eltern unter allen Umständen ein vorbildliches Familienleben aufrechterhalten wollen. Sie merken nicht, dass ihre Tochter heimlich die zuvor sorgsam eingetrichterte Hausmannskost auf dem Klo wieder auskotzt. Da ist der eine Schüler (Garbor Biedermann), der die immer währenden Ratschläge seine Eltern nur ertragen kann, wenn er sich in seinem Zimmer die Arme und Beine aufritzt. Und schließlich der zweite intelligente und wütende Schüler (Ole Lagerpusch), der zu Hause das große Nichts der Kommunikation zwischen seinem arbeitslosen, oft alkoholisierten Vater und der alles überspielenden Mutter erlebt.
Die Schauspieler spielen generationsübergreifend: die Kinder, die Lehrer und die Eltern. Sie haben sich nichts zu sagen. Kein Verständnis ist zwischen ihnen möglich. Alle werden zum Stillschweigen und zur stromlinienförmigen Karriereplanung animiert. Ehrlichkeit in der Diskussion ist nicht gefragt. Verdrängung der Ostvergangenheit ist angesagt. Alles soll zugekleistert werden. Doch diese Generation geht nicht auf die Straße wie noch die 68-er. Sie greift zu anderen Mitteln. Es ist ein resigniertes Aufbäumen ohne Hoffnung auf Veränderung. Ein beeindruckendes Theaterstück von Thorsten Frischer und eine aufwühlende Inszenierung von Felicitas Brücker.
Birgit Schmalmack vom 5.5.08

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