Mitleid, Thalia

Mitleid, Lessingtage



Das Highlight zum Schluss

"Die 12. Symphonie von Beethoven habe ich während der Massaker so laut gehört, dass sie alle Todesschreie übertönte. Sie hat mich gerettet." Die blonde Frau auf der Bühne steht an einem Vortragspult mitten zwischen Müllbergen und berichtet von ihrem NGO-Einsatz im Kongo vor über zwanzig Jahren. Als neunzehnjährige naive Lehramtstudentin hatte sie sich von den "Teachers in conflict" anwerben lassen und war völlig unvorbereitet nach Goma aufgebrochen. So gerät sie mitten in den aufbrechenden Konflikt zwischen Hutu und Tutsis. Als unangreifbare Weiße genoss sie Sonderrechte, während die Frauen um sie herum vergewaltigt und ermordet wurden, wenn sie zur falschen Volksgruppe gehörten.
Noch Jahre später verfolgen die Frau jede Nacht Alpträume und sie wacht schweißgebadet auf. Die Fähigkeit zur Empathie ist ihr damals abhanden gekommen. Sie spielte perfekt die Rolle der Helferin, so wie die grandiose Schauspielerin Ursina Lardi ihre auf der Bühne spielt. Man gerät gerne in ihren Bann; obwohl sie am Anfang die Tricks des europäischen Regietheaters offen legt, hält man das, was sie wenig später erzählt, für einen völlig authentischen Dokubericht.
Die Erschütterung über die Aufgabe der europäischen Helfer ist tief greifend: Waren sie zunächst für die Opfer des Völkermordes zuständig, so führten sie später, als deren Rachefeldzug losbrach, das Flüchtlingslager für die einstigen Täter und versorgten sie mit dem Überlebensnotwendigen, während sie sich auf die nächste Attacke vorbereiteten. Bevor die Regierungsarmee das Lager in ein Flammenmeer verwandelte, wurden die weißen Helfer mit den letzten Flugzeugen ausgeflogen, während ihre schwarzen Mitarbeiterinnen dem Tod geweiht waren.
Die Frau hält das Bild des am Strand von Bodrum ertrunkenen Jungen Aylan in die Kamera, das die halbe Welt zu Tränen gerührt hatte. Doch ihre eigene jüngst angetretene Recherchereise nach Bodrum und auf die Insel Kos lässt ihr die Lage der heutigen syrischen Flüchtlinge eher wie eine gut organisierte Reise von gut gelaunten Hipstern erscheinen. Sie kann nichts mehr berühren.
Die ganze Zeit hat ihr eine junge schwarze Frau am Tonpult zugehört. Freundlich lächelnd erzählt sie ihre Geschichte: Sie selbst wurde im Kongo geboren. Als Vierjährige wurden ihre Eltern vor ihren Augen ermordet und sie kam zu Adoptiveltern nach Belgien. Als einzige Schwarze in ein völlig weißes Dorf.
Regisseur Milo Rau hat für dieses beeindruckende Stück an der Berliner Schaubühne hunderte Interviews mit NGOs geführt und ihre Berichte zu einer Erzählung einer einzigen NGO verdichtet. Naive Gutmenschen wie diese Frau halten eine ganze Industrie der Helferindustrie am Laufen. Verstärken sie damit nur die Ohnmacht der Flüchtlinge und ihren latenten Rassismus einer Helfer-Arroganz?
Rau stellt bohrende, unangenehme Fragen. Wer leidet mit? Kann es Hilfe ohne Mitleid geben? Kann ein Mitleidender helfen? Am Schluss steht der Satz eines Jesuitenpaters: "Mich tröstet nur noch der Blick auf das Kreuz, auf das Leid des Gekreuzigten."
Der Blick von außen ist Bestandteil der Inszenierung. Die Kamera zeichnet alles Gesagte auf und projiziert die Gesichter der weißen und der schwarzen Frau auf die große Leinwand. Sie betrachten und werden betrachtet. Dass die Vielschichtigkeit dieser Arbeit in allen Aspekten zur Geltung kommt, liegt auch an der grandiosen Leistung von Ursina Lardi. Sie sei ganz da, sie sei völlig präsent, so hatte sie zu Beginn ihre Aufgabe als Schauspielerin im Regietheater beschrieben. Daran kann keiner, der diesen Abend miterleben durfte, einen Zweifel haben.

Birgit Schmalmack vom 9.2.16


Mitleid von der Schaubühne von David Seiffert

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