Mythen der Zweckmäßigkeit , Klabauter

Athen für alle

Nicht nur in der heutigen Gesellschaft geht es um Leistung und Optimierung. Auch die Mythen der Vergangenheit sollten ähnliche Botschaften vermitteln. Durch die Verbreitung dieser Narrative sollte eine Gesellschaft und deren Individuen nach dem Willen der Obrigkeit geformt werden. Doch was bedeutet das in einer Welt, die auch die Diversität und Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat? Müssen in dieser nicht diese von jeher überlieferten Geschichten überdacht und neu erzählt werden? Das dachte sich die Regisseurin Karin Nissen-Rizvani mit ihrem Team im Klabauter Theater. Das ist schon deswegen interessant, weil das Klabauter-Ensemble aus besonderen, sehr individuellen Schauspieler:innen besteht, die sich jeder Normzuschreibung widersetzen. Perfekte Voraussetzung, um die Mythen gegen den Strich zu bürsten. Dass dieses Unterfangen zudem noch klar in die Zukunft gerichtet ist, beweisen die Bühnenmittel, die dafür eingesetzt werden. Mit allerlei digitalen Werkzeug werden die Darsteller:innen bereichert, verschönert aufgepimpt und ergänzt. Der künstlerische Anspruch des Regieteams ist hoch, das merkt das Publikum schon beim Eintreten. Der Bühnenraum wirkt wie eine Ausstellung moderner bildender Kunst. Dort ragen ein paar Rohre in die Höhe, dort bewegt sich eine Frau selbstvergessen zur Musik die nur sie hören kann, dort klimpert ein Musiker verzückt an einem roh gezimmerten Saiten Instrument, dort breitet eine Crew auf einer Holzinsel Pläne aus. Auf der einen Wand erscheinen die Umrisse der Menschen im Raum als 3D-Modelle. Im Hintergrund hört man leise Klänge des kleinen Band am Rande,. "Aha, Kunst, Performance", scheint dieser Anfang zu verkünden. Doch dann packen alle mit an und die Metallstangen werden flugs zu Drehstühlen umgebaut, das Publikum darf Platz nehmen und das Schauspiel beginnt. In nur gut einer Stunde werden nun im Schnelldurchlauf alle antiken Heldensagen erzählt, die man sonst nur als jeweils einzeln abendfüllendes Programm kannte. Medeas Drama wird verkürzt auf eine gute Viertelstunde. Theseus, Hera, Orpheus, Eurideke, alle kommen vor und können kurz ihren Einwurf zur Mythenbildung beisteuern, um dann auch schon wieder der nächsten Mythengestalt Platz zu machen. Durchaus mit einem Gespür für die besonderen Talente der Ensemblemitglieder wurden die Rollen verteilt, durchaus mit witzigen Einfallsreichtum digital unterfüttert, durchaus mit ein interessanten Gedanken zur heutigen Leistungsgesellschaft versehen, aber leider viel zu voll gepackt, um nicht völlig erschlagen nach nur 60 Minuten nach draußen entlassen zu werden. Das Verweilen Können bei einzelnen Geschichten, bei einzelnen Charakteren, bei einzelnen Gedanken hätte man sich gewünscht. So verließ man die Vorstellung etwas schwindlig ob der überbordenden Fülle.
Birgit Schmalmack vom 19.11.21


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