Berlin-Herbst-Specail 2018

Berlin Special


Ausgewählte Inszenierungen

#stilllovingtherevolution, HAU Politische Ambitionen, die die Welt verändern könnten, bleiben eine Leerstelle, denn sie sind heutzutage viel schwerer zu definieren. Das gefundenen Ziele sind welche, auf die sich eine Party- und Künstlerstadt wie Berlin schnell einigen kann. In dieser Blase absolut mehrheitsfähig. Ein Umsturz sieht anders aus.

Außer sich, MGT Nur wer den Roman kennt, wird schneller verstehen, worum es hier geht. So konfrontiert Nübling auch den Zuschauer mit dem Gefühl der Orientierungslosigkeit. Er trifft damit gut den Ton der Textvorlage.

Eine griechische Trilogie, BE So hinterlässt diese Arbeit von Stone einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits erweist er sich als kluger, geschickter Geschichtenerzähler, der die Wirklichkeit geschickt einzufangen versteht. Und als effektvoller Regisseur, der die Personen zu eindrücklichen Charakteren formen kann. Doch weckt er mit seinem Titel und seinem selbst formulierten Anspruch, heutige Powerfrauen zu zeigen, falsche Erwartungen.

Hauptmann von Köpenick, Deutsches Theater Bosse gelingt eine Aktualisierung des Stoffes von Zuckmayer nicht zuletzt dank seines wunderbaren Hauptdarstellers. Dass er die meisten Menschen, denen er begegnet als Knallchargen des Bürokratie darstellt, erscheint nur konsequent.

Elizaveta Bam MGT Dann wird klar: Nicht nur zu Charms Zeiten gibt es Gründe an der Vernunft in der Welt zu zweifeln und ihr mit absurdem Theater den Spiegel vorzuhalten. Nicht zuletzt Dank der schauspielerischen Leistung des hervorragenden Ensembles ein nicht nur unterhaltsamer, sondern hintersinniger und einnehmender Abend.

Die Gerechten, MGT Da interessiert im Nachherein der konsequent reduzierte und anregende Diskursansatz einer jungen Jette Steckel noch einmal mehr. Spannend wäre es zu sehen, ob er auch noch heute funktionieren würde oder ob Baumgarten mit seiner Neuinterpretation über zehn Jahre später den Zeitgeist einer utopiefreien Gesellschaft, die vor lauter Diskussionen zu keiner Aktion mehr in der Lage ist, doch besser trifft.

Hauptmann von Köpenick, Deutsches Theater Bosse gelingt eine Aktualisierung des Stoffes von Zuckmayer nicht zuletzt dank seines wunderbaren Hauptdarstellers. Dass er die meisten Menschen, denen er begegnet als Knallchargen des Bürokratie darstellt, erscheint nur konsequent.

Welche Zukunft? Let's them eat money, DT Auch wenn weder ein Theaterstück im klassischen Sinne mit ausgefeilter Dramenstruktur dabei herausgekommen ist noch Antworten gefunden worden sind, ist es ein Abend geworden, der die richtigen Fragen stellt und zum Weiterdenken anregt.

Factory, Volksbühne Wie kann es sein, dass eine Fabrik mitten in einem Kriegsgebiet weiter produzieren kann? Diese Frage beschäftigt die Journalistin Maryam, seitdem sie von einem ehemaligen Arbeiter dieser Fabrik Mails bekam, die sie auf merkwürdige Details aufmerksam machten. Sie fängt an zu recherchieren und entdeckt Zusammenhänge, die ihre Neugierde weiter anstacheln.

Vor Sonnenaufgang, DT Durch die schlichte Form, die Steckel für diese Vielzahl an kleinen Dramen wählt, gibt sie den Personen und dem Text genügend Raum zum Atmen. Keine Minute dieser zweieinhalb Stunden ist zu lang. Vielschichtiger Text, fokussierte Umsetzung, hervorragende Schauspieler, tolles Theater!

Integrationskurs, TAK Integrationskurs bestanden? Die Klebepunkte, die die Zuschauer für ihr Mitmachen verliehen bekamen, sind längst wieder abgefallen. Diese Arbeit unter der Regie von France-Elena Damian wollte eher Irritation hervorrufen, als klare Integrationshilfen zu liefern. So ist sie bestens dafür geeignet, vielfältige, Anregungen zum Weiterdenken zu geben.

Der Besuch der alten Dame, DT Regisseur Bastian Kraft misstraut dem pädagogischen Zeigefinger der Geschichte, den sie heute ausstrahlt, macht aus ihr ein Comic-Show-Event und verkürzt sie auf neunzig Minuten.




Überleben in Zeiten des Krieges

Wie kann es sein, dass eine Fabrik mitten in einem Kriegsgebiet weiter produzieren kann? Diese Frage beschäftigt die Journalistin Maryam, seitdem sie von einem ehemaligen Arbeiter dieser Fabrik Mails bekam, die sie auf merkwürdige Details aufmerksam machten. Sie fängt an zu recherchieren und entdeckt Zusammenhänge, die ihre Neugierde weiter anstacheln.
Mohammad Al Attar und Omar Abusaada haben aus dieser Faktenlage eine Doku-Theaterstück erschaffen, das bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte und nun an der Volksbühne in Berlin gezeigt wird.
Vor einem Betonhalbrund mit Einschusslöchern sitzen die vier Protagonisten an vier Tischen und geben Auskunft über ihre jeweilige Sicht auf die Dinge. Hier sollen die Fakten auf die Tische gelegt werden. Die unteren Teile des Betonhalbrunds lassen sich ausklappen und bilden so eine Projektionsfläche für die jeweiligen Beweisaufnahmen in Film und Foto.
Die französische Firma Lafarge hatte kurz vor dem Beginn des Bürgerkriegs die Fabrik aufgebaut und wollte sich nicht aufgeben. Sie hielt den Betrieb auch während der vielfältig wechselnden Fronten aufrecht. Zuletzt indem sie sich die Tolerierung mit Zahlungen an den IS erkaufte. Die Arbeiter der Fabrik wurden zur Arbeit in der Fabrik aufgefordert, auch wenn die Sicherheitslage mehr als prekär war. Immer wieder wurden Mitarbeiter entführt um so Lösegeld zu erpressen. 2014 nahm der IS die Fabrik ein, als noch 30 Arbeiter dort arbeiteten, die sich in letzter Minute in Sicherheit bringen konnten.
Die beiden Funktionäre Firas und Amre dürfen ihre Standpunkte erläutern. Maryam interviewt sie, nicht zuletzt weil sie selbst als französisch-algerische Frau durch ihren Vater eine eigene Beziehung zum Thema Bürgerkrieg hat. Sie vermutet in dem System, das sie in Syrien aufdecken will, übergreifende Erkenntnisse über die Verstrickung von Wirtschaft und Politik in Zeiten des Krieges. Firas kommt aus einer der unter Assad einflussreichen Familien und versucht auch in Zeiten des Krieges durch strategische Schachzüge seinen Einfluss nicht zu verlieren. Amre ist ein ehrgeiziger syrisch-kanadischer Businessmann, der internationale Karriere machen will und nun versucht in den Wirren des Bürgerkrieges sein Geschäft zu machen.
Dass der Arbeiter Ahmad der einzige Glaubwürdige ist, wird von der Regie schon im Eingangsbild klar gemacht: Er ist der einzige, der keine Betonmaske trägt. Er darf als Mensch auftreten. Noch deutlicher wird das am Ende. Dort erzählt Ahmad von seiner ergreifenden Flucht aus Syrien mit seiner Frau und den zwei Kindern, während sich die anderen - wieder hinter Masken versteckt - in schnöder Selbstbespiegelung suhlen.
Das Regieteams gelingt es dennoch zu zeigen, wie in Kriegszeiten die Argumentationslagen stetig angepasst werden und so die Wahrheiten verschwimmen. Es geht ums Überleben. Das gilt letztendlich auch für die Arbeiter. Sie gehen in die Fabrik, um ihre Familien zu ernähren. Sie wissen, in welche Gefahr sie sich begeben und sie können zumindest ahnen, welche Preise dafür gezahlt werden, dass die Fabrik noch nicht dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Jeder versucht seine Nische zu finden und zu erhalten. Dabei gibt es Leute mit mehr Möglichkeiten und welche mit weniger. Zumindest dies wird in diesem Stück sehr deutlich.
Birgit Schmalmack vom 16.10.18


(C) 2006 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken